Es hat mir so leid gethan

Briefumschlag, 1932

Wiederitzsch, den 27.11.32

Liebe Schwester und Schwager!

Zunächst unser herzliches Beileid zu dem schweren Verlust der Euch betroffen hat. Ich kann es noch gar nicht fassen, daß die Irmgard nicht mehr da sein sollte. Wie ist denn das bloß gekommen das es so schnell gegangen ist. Ich habe in letzter Zeit viel an das Mädchen gedacht und hatte mir mir so schöne Pläne für sie ausgelegt wenn sie wieder gesund würde und daß soll alles umsonst sein. Ich bin seid Sonnabend ganz kopflos. Da ich kein Mädchen selber habe, hatte ich die Irmgard ein bischen ins Herz geschlossen drum will mir das gar nicht in Sinn das daß alles umsonst war.Ich konnte sie immer gut leiden. Entschuldigt nur recht vielmals daß ich nicht zu ihrer Beerdig. konnte dabei sein. Es hat mir so furchtbar leidgethan daß ich ihr nicht konnte die letzte Ehre erweisen. Ich hätte sie gern noch einmal gesehen. Aber ausgerechnet mußte unser Kleiner am Sonnabend plötzlich krank werden. Brief vom 27.11.32, Seite 1Er kam kreidebleich nach Hause, fror wie ein Hund, hatte Kopfschmerzen und hatte dann die Nacht auch Fieber und ist bis jetzt noch nicht wieder auf der Höhe. Hoffentlich wird nichts ernstes draus. Ich bin auch immer gleich ängstlich. Wenn ich nun wirklich fortgefahren wär und hätte den Jungen kränker angetroffen ich machte mir die doch die bittersten Vorwürfe. Ich hatte bis zur letzten Minute gehofft ich könnte noch fahren. Brief vom 27.11.32, Seite 2Aber es ging mit den besten Willen nicht. Dir wird es wohl nicht recht gewesen sein liebe Schwester aber ich konnte doch mit den besten Willen nichts dafür. Max und Helmut hatten mir schon abgeraten nicht zu fahren ich würde mich bloß aufregen die haben auch immer gleich Angst es könnte mir etwas passieren. Aber ich hätte mich nicht halten lassen wenn daß mit dem Kleinen nicht war. Es ist aber grade als wenn es nicht sein sollte. Wir wollen immer beten daß wir vor gleichen Schiksal bewahrt bleiben. Hoffentlich hat es dich liebe Schwester nicht so sehr mitgenommen denn eine Mutter fühlt es doch am meisten. Wie gern hätte ich dir beigestanden in diesen schweren Stunden. Wie viele alte Leute warten auf ihren Tod doch da kommt er nicht. Und so ein junges Menschenkind in der Blüte ihrer schönsten Jahre wird dahingerafft. Es geht nicht gerecht zu in der Welt. Also seid mnir ja nicht böse und liebe Schwester schreib mir doch einmal ausführlich wie das alles gekommen ist. In solch Fällen ist es nicht schön wenn man so weit voneinander weg ist. Ich will nun schließen und seid vielmals gegrüßt von uns allen

Gruß an die Eltern

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