Die Menschen hungern und hungern

Briefumschlag, 1947

Bottorf, den 23.4.47

Lieber Fritz!

lange haben Sie nichts von uns gehört. Heute wollen wir aber doch einige Zeilen an Sie richten. Vor allen Dingen haben Sie recht herzlichen Dank für Ihre lieben Briefe, die zwar auch selten eintreffen, aber von uns stets mt Freude und Interesse aufgenommen werden. Immer schon wollten wir Ihnen einmal antworten, aber Sie wissen ja selbst, wie es bei uns hier zugeht. Stets viel Arbeit und abends stellt sich prompt die Müdigkeit ein und dann unterbleibt das Schreiben meist. Also, es ist bestimmt kein böser Wille. Gedacht und gesprochen haben wir schon öfter von Ihnen. Es ist nun schon wieder ein gutes Jahr her seitdem Sie uns verliessen um zu Ihrer Familie zurück zukehren. Wie es Ihnen im allgemeinen ergangen ist haben Sie uns ja immer in Ihren netten Briefen geschildert und wir freuen uns, dass es Ihnen allen gut geht. Bei uns hier hat sich im Grossen und Ganzen nichts wesentlich verändert, es geht hier alles noch seinen üblichen Gang, den Sie ja auch kennen.
Brief, 1947Unser Opa ist Ende Febr. 70 J. alt geworden, er ist noch ziemlich rüstig, er macht immer noch den Bahnhofsvorsteher vom „Hauptbahnhof Bottorf“. Hier sind auch viel Flüchtlinge dazugekommen, die alle auf die einzelnen Bauernhöfe verteilt wurdenn. Adolf macht immer noch munter seine Land- und Stallarbeit, was soll er zur Zeit auch anfangen.. Sei»e Selbstständigkeit wäre ihm natürlich lieber, aber damit müssen wir eben noch warten. Unsere Cilla hat immer noch nichts von ihrem Mann gehört, leider!- Na und unsere drei Jungens, die sind gesund und wohlauf. Unsere beiden jüngsten, Joachim und. Heidi, kommen am 6. Mai zur Schule, das wird was werden, sie sind beide noch so verspielt und wollen gar nicht gern zur Schule, aber was sein muss, muß sein. Damit haben wir einen Kummer und an Sie lieber Fritz eine grosse Bitte. Beide haben keine Schiefertafel und wir können hier absolut keine auftreiben, nun hörten wir, dass es in Thüringen weit besser mit solchen Sachen ist. Können Sie wohl für unsere beiden A.B.C. Schützen zwei Tafeln besorgen? Sie haben doch dort in Ihrer Heimat sicher Beziehungen und wir hoffen, dass es Ihnen gelingt, uns diese Bitte zu erfüllen, dass wäre sehr lieb u. nett von Ihnen und wir waren Ihnen sehr dankbar. Sollten Sie allerdings mehrere Tafeln auftreiben können, nehmen wir diese gern. Wenn Sie dann dieselben recht gut verpackt hierher schicken würden, bereiteten Sie uns damit eine grosse Freude. Wir hoffen so sehr, dass Sie unser rettender Engel sind und dass es bald klappt.—
Wie geht es Ihnen sonst und Ihrer lieben Familie, sind Ihre Kinder auch alle wohlauf? Wir wollen es von Herzen wünschen. Ist die Ziegelei schon in vollem Gange und wie lässt sich sonst dort alles an? Haben Sie viel Arbeit? Wie geht sonst drüben alles aus? Hier ist nicht viel los. Die Menschen hungern und hungern. Es gibt nur Maisbrot und das auch so knapp. Fett und Fleisch kaum, es ist ein unsagbares Elend und keine Hoffnung auf Besserung, was soll nur noch alles werden? Können Sie mit Ihrer Fam einigermassen erträglich leben? Die Kinder sind wohl sehr froh, dass Sie ihren Vati wieder haben, was? Von Herzen wünschen wir Ihnen, dass Sie es recht gut mit Ihren l. Angehörigen haben. Brief, 1947Stehen Sie noch mit Jupp im Briefwechsel? Uns hat er schon lange nicht geschrieben, er hatte seinerzeit seinen Vater wiedergefunden, worüber er sehr glücklich war. Er arbeitete bei der Reichsbahn, das war wohl auch das beste für ihn.
Ja, lieber Fritz nun haben wir ein wenig von uns berichtet und wir hoffen, dass Sie sich etwas darüber freuen.
Sind Sie doch bitte so gut und schreiben uns recht bald wieder, auch wegen der Schiefertafeln, ja? Für all Ihre Bemühungen danke ich Ihnen im Voraus.
Mit allen guten Wünschen für Sie und Ihre lieben grüssen wir Sie allerherzlichst.
Im Namen aller Bottorfer, Brokamps, Nehmelmanns
Ihre
Irmgard

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